Das Zwiegespräch in der Partnerschaft

Zwiegespräch in der Beziehung
Paar im Zwiegespräch (©JackF / fotolia)

Ein Zwiegespräch hat in der Partnerschaft oder Ehe das Ziel, die Kommunikationskluft zwischen den Partnern zu überwinden und fruchtlosen Diskussionen und Streitereien vorzubeugen. Der Paar- Therapeut Michael Lukas Moeller hat diese Form des Paargesprächs mit seiner Partnerin Célia Maria Fatia entwickelt. Moeller selbst nannte seine Methode "wesentliches Zwiegespräch". Die Folge von erfolgreichen Zwiegesprächen sind mehr Einfühlungsvermögen, Verständnis, Toleranz, Nähe und Zuneigung.

Wann sind Zwiegespräche empfehlenswert?

Zwiegespräche sind für Paare empfehlenswert, wenn:

  • die Kommunikation sich nur noch um organisatorische Dinge dreht oder kaum noch statt findet
  • die Kommunikation destruktiv und von Sinn- befreiten Streitereien und fruchtlosen Beziehungsdiskussionen geprägt ist
  • das Sexualleben eingeschlafen ist
  • die Partner unzufrieden mit ihrer Beziehung sind
  • dauerhafte Distanz die Beziehung beherrscht
  • sich die Beziehung in einer Krise befindet
  • die Partner sich mehr Harmonie, gegenseitiges Verständnis, Empathie und Nähe wünschen
  • Partner sich im "Guten" trennen wollen

Der Charakter des Zwiegesprächs

Charakter des Zwiegesprächs
(©Impact Fotographie/Fotolia)

Das Zwiegespräch als Form des Paargesprächs weist ein wesentliches Merkmal auf: Der Fokus des jeweils Redenden liegt auf sich selbst, nicht auf dem Partner! Jeder Partner kann mitteilen, was ihn gerade bewegt, ihn unzufrieden macht, wie er sich momentan fühlt oder was er gerne anders hätte. Vorwürfe, Schuldzuweisungen, Rechthabereien und Fragen (mit Ausnahme von Verständnisfragen) sind tabu. Der gerade Sprechende darf immer ausreden! Die Partner zeigen sich wechselseitig auf diese Weise eine Art inneres Selbstporträt. Der Zuhörende hat dadurch die Chance, sein Gegenüber besser zu verstehen, sich einfühlen und sich auf den Partner beziehen zu können. Die gegenseitige Zuneigung des Paares wächst! Sehr häufig steigert sich auch das sexuelle Verlangen in der Partnerschaft.

Mit fortwährender Dauer dieser Paargespräche erleben wir als Partner, dass wir uns selbst mit unserer Beziehung weiterentwickeln. Der Erfolgsrezept der Zwiegespräche ist vor allem die Kontinuität. Selbst unsere gesamte Kommunikation mit unserem Partner ändert sich insgesamt positiv. Im Laufe der Zeit wird diese spezielle Gesprächsform als Paargespräch immer selbstverständlicher.  Zwiegespräche sind im übrigen nicht auf Liebesbeziehungen beschränkt. Sie können ebenso zwischen einem Elternteil und Kind oder Vorgesetzten und Mitarbeiter stattfinden.

Der Rahmen der Zwiegespräche

Es gibt Paare, die können einfach Zwiegespräche führen, ohne sich großartig darüber Gedanken machen zu müssen. In der Regel führen diese Paare eine erfolgreiche Beziehung, haben wenig Probleme miteinander und können ihre Konflikte sehr gut lösen. Betrachtet man jedoch die Quote der Trennungen und Scheidungen sowie die große Zahl unglücklich verlaufender Beziehungen, wird schnell klar, dass die meisten Paare nicht wirklich miteinander reden können. Sie müssten, wenn sie ihre Beziehung verbessern und erhalten wollen, Zwiegespräche erst erlernen. Dafür sind ein gewisser Rahmen und einige einfache Regeln unabdingbar.

1. Regelmäßige Durchführung

Zwiegespräche sollten regelmäßig durchgeführt werden
(©Jamrooferpix/Fotolia)

Das Erfolg der Zwiegespräche entsteht zu einem wesentlichen Teil aus der regelmäßigen Durchführung. Vereinbare mit deinem Partner einen festen Termin pro Woche und einen festen Ausweichtermin, falls ein Partner beim eigentlichen Termin verhindert ist. Befindet sich eure Beziehung aktuell in einer Krise, sind zwei Paargespräche pro Woche empfehlenswert. Der Termin sollte Beiden keine großen Umstände machen und immer möglich sein. Keinesfalls sollte ein Partner etwas anderes für den Termin des Zwiegesprächs aufgeben müssen. Achtet darauf, dass das Gespräch wirklich einmal pro Woche stattfindet. Andernfalls wird der "rote Faden" eurer Themen verloren gehen und es besteht die Gefahr, dass eure Zwiegespräche einfach einschlafen. Unser Unterbewusstsein reagiert sehr empfindlich auf Unterbrechungen! Viele Paare berichten von Schwierigkeiten, die Zwiegespräche fortzusetzen, wenn ein oder mehrere Termine ausgefallen sind. Dies liegt an unserem unbewusstem inneren Widerstand ( Mehr dazu im Abschnitt Hürden und Widerstände ).

Die Dauer des Gesprächs sollte mindestens 90 Minuten und höchstens 120 Minuten betragen. Weniger als 90 Minuten sind ungünstig, weil es eine gewisse Zeit dauert, bis ein Paar zu den wesentlichen Themen kommt. Länger als 120 Minuten kann sich dagegen kaum jemand zusammenhängend konzentrieren.

2. Ungestörte Atmosphäre

Während des Zwiegesprächs sollte es keinerlei Störungen und Ablenkungen geben. Kein Überraschungsbesuch, keine Kinder, kein Smartphone, Computer, Fernseher und dergleichen. Ihr solltet euch als Paar vollständig auf euch konzentrieren können. Manche Paare ziehen sich für Zwiegespräche in das Schlafzimmer zurück, andere sitzen lieber allein in der Küche und wieder andere ziehen einen Spaziergang in einsamer Natur vor. Den besten Ort muss letztlich jedes Paar selber finden.

3. Gleichmäßig verteilte Redezeit

Während des Zwiegesprächs sollte die Redezeit zwischen den Partnern gleichmäßig verteilt sein. Wenn das nicht von selbst funktioniert, vereinbare mit deinem Partner jeweils im Wechsel zirka 15 Minuten und achtet beide auf die Einhaltung dieser Zeitspanne.

Regeln im Zwiegespräch

In Zwiegesprächen gibt es fünf wesentliche Regeln:

  1. keine Fragen
  2. keine Ratschläge
  3. Jeder redet nur über sich.
  4. Wer redet, darf immer ausreden und wird nicht unterbrochen.
  5. Schweigen ist erlaubt. Es besteht kein Zwang zur Offenbarung!

In Zwiegesprächen sollte der Fokus des Redenden immer bei sich selbst liegen. Fragen an den Partner dienen nur dazu, von sich selbst abzulenken oder den Partner auszufragen, ja gar zu verhören. Deshalb sind Fragen tabu! Einzige Ausnahme: Wenn dein Partner redet und du etwas nicht verstehst, ist nachfragen in deiner Redezeit erlaubt sowie eine Frage, die sofort etwas klären kann.

Ungebetene Ratschläge stellen ebenfalls eine Vereinnahmung des Partners dar. Moeller nannte dies "Kolonialisierung" des Anderen. Ratschläge, um die niemand gebeten hat, dienen häufig dazu, Andere nach meinen Vorstellungen zu beeinflussen oder zu formen. Ratschläge sind deshalb ebenfalls tabu!

Nur über sich zu reden, heißt dagegen, den Fokus bei sich selbst zu belassen. Wenn wir immer "bei uns bleiben", können wir unserem Partner kaum Vorwürfe machen, ihn nicht unterbrechen, keine Wahrheitsbehauptungen aufstellen, nicht ums Recht-haben streiten und ihn schlecht abwerten. Das ist logisch und klingt leider einfacher, als es praktisch ist. Fakt ist, dass wir alle eine gewisse Tendenz zu diesen negativen Praktiken haben. Legen wir unseren Fokus auf unseren Partner, sind wir nicht mehr bei uns. Dann wollen wir uns selbst nur von unseren eigenen Unzulänglichkeiten ablenken oder unseren Partner nach den eigenen Wünschen und Vorstellungen ändern! Letzteres ist jedoch nahezu unmöglich. Wenn wir etwas ändern können, dann nur uns selbst, wodurch sich wiederum auch zwangsläufig unsere Beziehung ändert. 

Hürden und Widerstände

Hürden bei Zwiegesprächen
(©Andy Nowack/Fotolia)

Meist erfährt jemand von der Kommunikationsform der Zwiegespräche durch Empfehlungen von Freunden oder Bekannten oder aus diversen Medien. Werden Zwiegespräche dann für eine gute Sache befunden, möchte man diese natürlich auch mit dem eigenen Partner durchführen. Was aber, wenn der Partner das Zwiegespräch als Form des Paargesprächs ablehnt? Dies ist eine häufige Hürde für Zwiegespräche. Auf keinen Fall sollte der Partner überredet oder in anderer Weise zu Zwiegesprächen gedrängt werden! Wenn du den Wunsch hast, mit deinem Partner Zwiegespräche durchzuführen, ist es weitaus besser, erst einmal kurz von der Gesprächsform zu erzählen und deinem Partner zu sagen, dass du es gut fändest, wenn ihr in dieser Weise miteinander sprechen könntet. Zeig deinem Partner erst einmal Infos zum Thema (Bücher, Websites) und schlage vor, dass ihr ja später gemeinsam überlegen könnt, ob Zwiegespräche etwas für euch wären oder nicht. So gibst du Raum für eine gemeinsame Entscheidung. Alles Andere ist sinnlos. Zwiegespräche müssen beide Partner wollen. Die Entscheidung, diese auch regelmäßig durchzuführen, muss von Beiden getroffen werden!

Viele Paare oder einzelne Partner empfinden Zwiegespräche mit festen Terminen und Regeln als "künstliches Konstrukt". Alternativ versuchen sie, Zwiegespräche "spontaner und natürlicher" zu führen. Dieses Vorhaben scheitert jedoch regelmäßig, wie der Paar- Therapeut Michael Lukas Moeller aufgrund seiner praktischen Erfahrung  berichtet. Die meisten Paare kehren nach einigen Wochen wieder zum beschriebenen Rahmen und den Regeln zurück, Andere fangen gar nicht erst an und wiederum Andere geben einfach auf.

Doch auch, wenn ein Paar sich fest zu Zwiegesprächen entschlossen hat, muss es mit inneren Widerständen fertig werden. So offen von sich selbst zu erzählen, ist meist mit unbewussten Ängsten verknüpft. Zum Beispiel:

  • Angst vor der Wahrheit. Meinem Partner könnte nichts mehr an unserer Beziehung liegen.
  • Angst, der Partner könnte mich verurteilen, bewerten oder ablehnen.
  • Angst, dass das aufgebaute Scheinbild meines Partners beziehungsweise meiner Beziehung zusammenbricht.
  • Angst, mich mit eigenen Schwächen und Fehlern auseinander setzen zu müssen.

Derartige Ängste werden dafür sorgen, dass wir unbewusst Rahmen und Regeln der Zwiegespräche brechen oder diese ganz vermeiden wollen. Und unser Unterbewusstsein ist mächtig. Jedes Paar sollte sich dieser Widerstände bewusst werden und sich gegenseitig an die Einhaltung der Spielregeln erinnern.

Was soll ich nur sagen?

Zu Beginn der Zwiegespräche, vor allem beim ersten Gespräch, wissen viele Paare nicht so recht, was sie nun eigentlich sagen sollen. Das resultierende Schweigen empfinden sie häufig als beklemmend. Damit dein Zwiegespräch rasch in Schwung kommt, möchten wir dir abschließend noch einige thematische Beispiele für den Start geben:

  • Das Zwiegespräch selbst thematisieren. Wie fühlst du dich jetzt? Was sind deine Erwartungen an die Gespräche? Was sind deine Befürchtungen oder gar Ängste?
  • Welche Probleme hast du gerade im Job? Wie empfindest du dein Arbeitsleben?
  • Was stresst dich gerade am meisten?
  • Was vermisst du in deiner Beziehung?
  • Was empfindest du als besonders positiv in deiner Beziehung?
  • Welche Handlungen oder Verhaltensweisen deines Partners haben dich gerade geärgert? Wie ist es dir damit ergangen?
  • Welche Sorgen und / oder Zukunftsängste plagen dich?
  • Wie geht es dir mit einer Rolle, die du in der Partnerschaft ausfüllst? Mutter, Hausfrau, Ernährer(in), Organisator(in)....
  • Was fehlt dir im Bett?
  • Welche sexuellen Vorlieben hast du deinem Partner noch nicht anvertraut?

Fazit

Zwiegespräche sind eine sehr gute Möglichkeit, (wieder) mehr Nähe, Vertrauen, Verständnis und Toleranz zwischen Beziehungspartnern zu schaffen. Sie stärken und vertiefen eine Partnerschaft. Die Partner können sich stetig weiterentwickeln und erkennen: Du bist nicht ich und ich bin nicht du! Trotzdem oder gerade deswegen sind wir ein Paar. Zwiegespräche sind, vor allem zu Beginn, nicht immer einfach, fallen im Laufe der Zeit aber leichter und werden im Idealfall zur selbstverständlichen Art und Weise, wie ein Paar miteinander redet. Diese Mühe lohnt sich auf jeden Fall, denn Zwiegespräche wirken!

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